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Mein Freund ist Flüchtling

Deutsche Tenniszeitung 12/1.2017/18 von CVA - Fotos Markus Schmidtke


Der TC am Volkswald und das Ehepaar Karen und Markus Schmidtke hießen die Flüchtlinge aus dem nahegelegenen Zeltdorf willkommen.

Seit den ersten großen Flüchtlingsströmen im Jahr 2014 diskutiert ganz Deutschland über das Thema. Auch der Sport und zahlreiche Tennisvereine haben sich mit dem Thema beschäftigt und teilweise gehandelt. Wir schauen, was für Projekte in den Clubs entstanden sind und welche Probleme und Entwicklungen es gab.


Dass Sport über alle Altersklassen und Kulturen verbindet, ist bekannt, aber er kann auch bei der Integration von Menschen aus aller Welt einen großen Einfluss haben. Viele Einzelpersonen und Vereine in ganz Deutschland haben im Rahmen der großen Flüchtlingsströme in verschiedener Weise aktiv geholfen. Sei es mit Geld- und Materialspenden, Freikarten, zum Beispiel für Fußball-Bundesligaspiele, oder kostenlosen Sportangeboten. Einige Flüchtlinge haben hierzulande sogar den Sprung in den Spitzensport geschafft. So können Sportler wie Yassine La Gmiri (Profiboxer) oder die Fußball-Bundesliga-Spieler Bakery Jalta (H SV) und Ousman Manneh (Werder Bremen) sogar ihren Lebensunterhalt damit verdienen. Im Tennis schaffte mit Oteksandra Oliynykova (CRO) eine Spielerin den Sprung auf die Profitour. Mit 15 Jahren floh sie mit ihrer Familie von der Ukraine nach Kroatien, nachdem ihr Vater mit Haftbefehl gesucht worden war. Der Vater der Juniorin war einer der politischen Aktivisten, die 2015 am ehemaligen ukrainischen Präsidenten offen Kritik übten.

Auch im deutschen Breitensport, speziell im Tennis, entstanden aus großem inneren Antrieb von Vorständen, Trainern und aktiven Spielern zahlreiche Hilfs- und Sportangebote für Flüchtlinge. In der November-Ausgabe der Deutschen Tennis Zeitung 2015 berichteten wir erstmals von einer Flüchtlingsaktion beim Crefelder TC. Rund zwei Jahre später haben wir nicht nur beim CTC noch einmal nachgefragt, wie es weiterging, sondern bei vier weiteren Tennisclubs in Deutschland.

Aber auch die Probleme rund um die Durchführung von vielen Projekten sollen nicht verschwiegen werden. In den vergangenen Jahren hat das Thema der Flüchtlingswanderungen nach Europa die Bevölkerung polarisiert wie kaum ein anderes. Die Diskussionen, aber auch die große Hilfsbereitschaft rund um dieses Problem beherrschen die Medien. Auch die Aufrufe für soziales Engagement waren groß. So veröffentlichte das Hamburger Abendblatt Anfang des Jahres unter dem Titel „Hamburger Tennisclubs, traut euch was", einen Kommentar, dass sich die traditionsreichen Vereine der Hansestadt ähnlich umfangreich engagieren sollten wie Fußball-, Box- oder Basketballvereine. „Wenn sich jeder der 91 Hamburger Tennisvereine in der kommenden Freiluftsaison nur zweier Kinder und deren Familien annehmen würde, sie in seiner tollen Clubgemeinschaft aufnehmen und mit seinen Kontakten bei der Integration helfen würde, dann könnte er so viel bewirken. Und bekäme bestimmt genauso viel zurück", appellierte Inga Radel im Januar 2017.

Oftmals klingt dies einfacher als es ist. In der Vorbereitung auf diesen Artikel sprach die Redaktion der DTZ - Deutsche Tennis Zeitung mit zahlreichen Vereinen aus ganz Deutschland. Auffällig war dabei, dass zwei große Themenkomplexe immer wieder zur Sprache kamen. Deutsche Bürokratie und fehlende Unterstützung von Seiten des Staates.

So war zu hören, dass viele Tennisclubs auf eine mögliche Aktion verzichten mussten, da es entweder an Unterstützung und Zuschüssen mangelte oder bergeweise Anträge im Vorfeld ausgefüllt werden mussten, um überhaupt finanzielle Unterstützung zu erhalten. Auch der Kontakt zwischen Ämtern, sozialen Einrichtungen und schließlich den betroffenen Flüchtlingen war oftmals nicht optimal oder kam gar nicht zustande. Hinter vielen der vorgestellten Projekte standen immer engagierte, ehrenamtliche Helfer, die mit Mut, Herzblut und viel Eigeninitiative Aktionen angeschoben haben und auch kurz- oder langfristig weiterführen konnten.

Auf den folgenden Seiten stellen wir einige Projekte vor und blicken hinter die Kulissen. Welche Probleme gab es bei den Clubs, was wurde aus den Aktionen und warum war es manchmal ganz unmöglich, so etwas auf die Beine zu stellen?


Die zwanzig Kinder, die zum Aktionstag des TC am Volkswald gekommen waren, hatten riesigen Spaß auf und neben den Tennisplätzen.

„Auf einmal gab es einen Abbruch. Die Belegung des Flüchtlingsdorfes wurde geändert. Es war eine politische Entscheidung", erinnert sich Markus Schmidtke, Tennistrainer des TC am Volkswald und Betreiber einer Tennisschule an die kuriosen Tage im Jahr 2016 zurück. Im Februar wurde nach vier Monaten die Belegung des Essener Flüchtlingsdorfes geändert und die Familien, unter anderem aus Syrien und Serbien, in dezentrale Einrichtungen verteilt. Zuvor hatte der zweite Sportwart des Clubs zusammen mit seiner Frau Anfang Dezember 2015 ein großes Hilfsprojekt für die Kinder im benachbarten Flüchtlingsdorf ins Leben gerufen. Auf einem stillgelegten Fußballplatz 100 Meter vom Verein entfernt entstand 2015 ein kleines Zeltdorf, in dem zahlreiche geflüchtete Familien lebten. „Wir sind einfach auf die Menschen zugegangen und haben Kontakte geknüpft", verrät Schmidtke und ergänzt: „Wir haben mit Flyern gearbeitet, damit die Eltern der Kinder wussten, was wir vorhaben." Alle zwei Wochen hatten die Kinder des Flüchtlingsdorfes die Chance, im Verein zu spielen. „Mehr konnten wir ehrenamtlich nicht stemmen", betont Schmidtke.

Zögerlich kamen die ersten Familien und vor allem die Kinder. Als der Nikolaus im Dezember Süßigkeiten verteilte, war das Eis gebrochen. Die jüngsten Vereinsmitglieder sorgten dann auch gleich für eine reibungslose Integration. „Die Kinder zeigten sich untereinander, wie Tennis funktioniert. Bei uns gab es gar keine Probleme, woran es scheitern konnte", erinnert sich Schmidtke. Viele der Flüchtlingskinder kamen im Laufe des Jahres noch vereinzelt zum Spielen in die Hatte. Selbst für ein langfristiges Organisationssystem war schon gesorgt. „Die Überlegung für eine andauernde Lösung war vorhanden. Dann hätten wir die ersten Kinder in das Jugendtraining voll integriert", erzählt Markus Schmidtke und ergänzt: „Unsere eigenen Kinder haben gesagt, das wäre toll, wenn ein Kind bei uns in der Trainingsgruppe mitspielen hätte können. So hätten wir es weitergeführt. Das wäre eine normale Situation geworden."


Der Nikolaus als Eisbrecher: Zahlreiche Flüchtlingskind erfreuten sich über die Chance, Tennis zu spielen und über die ein oder andere Süßigkeit.

Es gab jedoch auch einige Skeptiker im Verein, für die die Situation etwas gewöhnungsbedürftig war. „Ich denke, ein Verein ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir hatten im Verein die gesamt gestellschaftliche Quote, die es kritisch sah. Es war eine Minderheit. Schlussendlich haben sie uns keine Steine in den Weg gelegt", erinnert sich der Sportwart des Clubs und freute sich gleichzeitig über die große Unterstützung von vielen Vereinsmitgliedern: „Von einigen Mitgliedern erhielten wir sogar eine Geldspende. Die haben wir gerne angenommen und haben Bälle gekauft. Davon profitierten alle Kinder."



Organisator Markus Schmidtke mit dem kleinen Syrer Ali.

Für Schmidtke und viele im Verein hat sich durch die Situation vieles zum Positiven verändert. „Es wächst ein großes Verständnis für die Situation dieser Menschen, da dann echte Gesichter vor einem stehen. Die ganze Situation hat sich dadurch deutlich verbessert", verrät der Organisator. Für Markus Schmidtke steht fest, „wenn der Fall wieder eintreten würde, würden wir es sofort wieder anbieten." Den Betroffenen hat die Aktion geholfen. „Es hat den Kindern gut getan. Sie haben die Trainingszipps schnell angenommen und es macht dann auch Spaß sie zu betreuen."
 

Veröffentlicht
12:02:16 24.12.2017